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Kongress

23. Februar 2021

Interview mit Richard David Precht

„Utopie und Resignation liegen heutzutage nahe beieinander“

Richard David Precht ist Philosoph, Publizist und Autor – und einer der profiliertesten Denker der deutschen Öffentlichkeit. Bücher wie „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“, „Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“ oder „Die Kunst kein Egoist zu sein“ sind internationale Bestseller und wurden insgesamt in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Seit 2012 moderiert er die Philosophiesendung „Precht“ im ZDF.

Mandelkern: Herr Precht, in den Nachrichten wechseln sich Meldungen über Quantencomputer aus dem Silicon Valley mit verheerenden Umweltkatastrophen im Amazonas oder Australien ab. Wie sehen Sie diese Dynamik?

Precht: Utopie und Resignation liegen heutzutage nahe beieinander. Aber ein Blick in die Geschichte zeigt, dass es diese Dualität schon mehrmals gab. Zuletzt waren Menschheitsversprechen und Menschheitsversagen im späten Mittelalter so eng miteinander verknüpft. Damals erwarteten ebenfalls die einen die Erlösung auf Erden und andere die große Auslöschung. Ich sehe die Menschheit heute an einem ebensolchen Punkt.

Das klingt im ersten Moment fatalistisch.

Das letzte Mal folgte auf eine solche Zeit die Renaissance, eine Wiedergeburt der Menschlichkeit. Das ist auch heute möglich. Aber dafür müssen wir ausbrechen. Wir müssen die Scheinlogik von Sachzwängen, Alternativlosigkeiten und den Wunsch, für das was wir tun, gemocht zu werden, hinter uns lassen.

Wie soll das aussehen?

Indem man beginnt, Prozesse und Veränderung, die gerade stattfinden, anzuerkennen – ob man sie wahrhaben will oder nicht. Die Digitalisierung wird kommen. Das Grundeinkommen ebenfalls. Dennoch vollbringen viele Ökonomen und Entscheidungsträger ein Kunststück, in dem sie davon ausgehen, dass unsere Arbeitswelt und unsere Gesellschaft sich im Zuge dieser Umwälzungen nicht verändern werden. Aber in der Menschheitsgeschichte führte jede technisch-ökonomische Revolution zu einer Neuerfindung der Gesellschaft.

Nun reagiert ein Großteil der Bevölkerung nicht mit Verleugnung auf Digitalisierung und Klimawandel. Viele betrachten diese Herausforderung hingegen mit wachsender Sorge. Die Angst vor Arbeitslosigkeit durch die Automatisierung beschäftigt beispielsweise viele Arbeitnehmer.

In der Diskussion geht es nicht darum, ein Gefühl der Hilflosigkeit zu schüren, sondern die Tragweite des Umbruchs richtig einzuschätzen. Nehmen Sie das Beispiel Digitalisierung. Sie wird nicht nur den Niedriglohnsektor betreffen, sondern in naher Zukunft auch viele Berufe aus der sogenannten „arbeitenden Mitte“. Das wird die Gesellschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit zunächst negativ verändern. Aber perspektivisch birgt die Digitalisierung das Potenzial, uns zu befreien. Von entfremdeter Arbeit für Geld in eine Tätigkeit, in der wir uns selbst verwirklichen.

Neben Sorgen über die Digitalisierung beschäftigt besonders der Klimawandel viele Menschen. Angst vor materiellem Verlust und gleichzeitig der Wunsch nach einer umweltfreundlichen Wirtschaft – passt das zusammen?

Unsere Wirtschaft ist wie unser Denken in Alternativlosigkeiten gefangen. Wachstum ist der Gradmesser der Wirtschaft. Aber Wachstum bedeutet Verbrauch, von Energie und von Ressourcen. Um die Klimakrise zu bewältigen wird aber zwangsläufig ein gewisses Maß an Verzicht notwendig sein. Verzicht bedeutet aber gleichzeitig weniger Wachstum. Es bedeutet, es kann nicht mehr so weitergehen wie bisher. Deshalb ist es entscheidend, Digitalisierung und Klima nicht losgelöst voneinander zu betrachten.

Gerade in einem konservativen Land wie Deutschland brauchen solche Veränderungen der Mentalität jedoch Zeit. Das dürfte für den freiwilligen Verzicht auf Luxus und Lebensstandard besonders zutreffen.

Ich denke, dass das aus zwei Gründen nicht zutrifft. Zum einen muss sich insbesondere die Politik eines vor Augen führen: Menschen lieben Verbote. Denken Sie an das Rauchverbot. Als es verabschiedet wurde, gab es viele Gegenstimmen. Heute wäre der Großteil der Bevölkerungen dafür. Warum soll das bei einem Verbot von SUVs in Innenstädten oder Plastikverpackungen anders sein? Sicherlich wird es zunächst Widerspruch geben. Aber nach einer Zeit setzt Gewöhnung und schließlich Akzeptanz ein. Denn Verbote entlasten den Einzelnen indem sie ihm Entscheidungen erleichtern.

Und der zweite Grund?

Der rasante technologische Fortschritt betrifft nicht bloß Deutschland. Denken Sie zurück an die Einführung des Smartphones. Niemand hat die Deutschen gefragt „Wollt ihr das?“ Es war eine weltweite Entwicklung, gemacht für alle Menschen. Die Schicksalsfrage unserer Zeit wird es sein, ob wir es schaffen, diese Entwicklung mit einer neuen und nachhaltigen Lebensweise zusammenzudenken.